Wenn Geschwister sich vergleichen: gerecht statt gleich
Wer hat mehr Sterne, wer muss öfter den Tisch decken? Wie du Geschwister gerecht behandelst, ohne alles gleich zu machen – und ohne Wettkampf am Küchentisch.

Abendessen bei Familie Albers. Die Familie ist ausgedacht, der Moment vielleicht nicht.
Lina, neun, legt die Gabel hin: „Emil kriegt zwei Sterne fürs Tischdecken, und ich krieg für die ganze Spülmaschine auch nur zwei. Das ist voll unfair.“ Emil, sechs, zählt derweil laut nach, wie oft Lina diese Woche schon länger aufbleiben durfte.
Du sitzt dazwischen und ahnst: Egal, was du jetzt sagst, eines der beiden Kinder wird es ungerecht finden. Genau um solche Momente geht es hier.
Das Wichtigste in Kürze
- Dass Geschwister sich vergleichen, ist kein Erziehungsfehler: Laut dem Psychologen Hartmut Kasten entsteht Rivalität unter Geschwistern vor allem aus ständigen Vergleichen untereinander.
- Gerecht heißt nicht gleich: In einer US-Studie mit 11- bis 13-Jährigen fanden drei Viertel der Kinder, die eine unterschiedliche Behandlung bemerkten, diese nicht unfair.
- Unterschiedliche Behandlung hing in einer weiteren Studie nur dann mit schlechteren Eltern-Kind-Beziehungen zusammen, wenn Jugendliche sie als unfair empfanden.
- Der Bayerische Erziehungsratgeber rät, Vergleiche zwischen den Kindern zu vermeiden und sich auch Zeit allein mit einem Kind zu nehmen.
- Aufgaben und Sterne dürfen sich nach Alter und Aufwand unterscheiden, wenn die Gründe offen erklärt werden.
Warum vergleichen sich Geschwister ständig?
Mit Geschwisterrivalität ist der Wettstreit von Geschwistern um Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zuwendung der Eltern gemeint. Der Psychologe Hartmut Kasten beschreibt im IFP-Familienhandbuch, dass diese Rivalität in erster Linie aus den ständigen Vergleichen entsteht, die Geschwister untereinander anstellen. Am intensivsten rivalisieren in der Regel Geschwister, die altersmäßig eng beieinanderliegen und dasselbe Geschlecht haben.
Kasten weist auch auf die Rolle der Eltern hin: Wer Eigenschaften und Fähigkeiten der Kinder hervorhebt, gegeneinanderstellt und bewertet, kann die Neigung zum Vergleichen noch verstärken. Das passiert oft ganz nebenbei.
Sollte man Geschwister gleich behandeln?
Gerecht heißt nicht, dass alles exakt gleich verteilt wird. In einer US-Studie wurden 61 Kinder zwischen 11 und 13 Jahren und ihre Geschwister getrennt befragt. Drei Viertel der Kinder, die eine unterschiedliche Behandlung bemerkten, fanden sie nicht unfair und erklärten sie etwa mit Unterschieden im Alter oder in den Bedürfnissen (Kowal & Kramer, 1997).
Eine weitere Studie mit Jugendlichen fand, dass unterschiedliche Behandlung nur dann mit schlechteren Eltern-Kind-Beziehungen zusammenhing, wenn sie als unfair empfunden wurde. Das Forschungsteam betont deshalb, wie wichtig es ist, in der Familie über die Gründe zu sprechen (Kowal, Krull & Kramer, 2004).
Kinder brauchen nicht dasselbe. Sie brauchen das Gefühl, dass es fair zugeht.
Wie vermeidet man Vergleiche zwischen Geschwistern?
Der Bayerische Erziehungsratgeber rät ausdrücklich, Vergleiche zwischen den Kindern zu vermeiden. Vergleiche stecken aber nicht nur in Kritik, sondern oft auch in Lob. Hilfreicher ist es, beim einzelnen Kind zu bleiben:
| Statt | Lieber |
|---|---|
| „Schau mal, Emil ist schon angezogen.“ | „Deine Socken sind schon an. Jetzt fehlt noch der Pulli.“ |
| „Warum kannst du nicht so ordentlich sein wie Lina?“ | „Die Bausteine gehören in die Kiste. Soll ich dir zeigen, wohin die kleinen kommen?“ |
| „Du bist die Vernünftige von euch beiden.“ | „Danke, dass du an das Licht im Flur gedacht hast.“ |
Der Ratgeber empfiehlt außerdem, sich auch Zeit ganz allein mit einem Kind zu nehmen, etwa wenn ein Geschwisterchen dazukommt. Im Alltag reichen dafür oft kleine Inseln, zum Beispiel zehn Minuten Vorlesen nur mit der Großen.

Wie verteilt man Aufgaben und Sterne fair?
Nach Alter, nicht nach Gleichheit. Jedes Kind bekommt Aufgaben, die zu ihm passen. Orientierung gibt die Übersicht Haushaltsaufgaben für Kinder nach Alter.
Sterne nach Aufwand, offen erklärt. Bringt die Spülmaschine mehr Sterne als das Tischdecken, sag warum. Noch besser ist es, die Sternzahl gemeinsam festzulegen.
Unbeliebtes reihum. Wenn beim Müllrausbringen jeden Tag ein anderes Kind dran ist, erübrigt sich das „Immer ich“. Auch die Sozialpädagogin Beate Weymann rät im IFP-Familienhandbuch, die Aufgabenverteilung regelmäßig zu wechseln.
Kein öffentlicher Punktestand. Jedes Kind kennt seinen eigenen Stand. Eine Rangliste am Kühlschrank lädt eher zum Wettrennen ein.
Was sagt man, wenn ein Kind „Das ist unfair“ sagt?
Zurück an den Tisch von Familie Albers. Erst das Gefühl anerkennen: „Du findest, die Spülmaschine ist viel mehr Arbeit als Tischdecken.“ Dann den Grund offenlegen: „Wir haben beide Aufgaben mit zwei Sternen angelegt, weil Emil für das Tischdecken noch lange braucht.“
Zum Schluss gemeinsam nachschauen: „Lass uns am Sonntag überlegen, ob die Sterne noch passen.“ Vielleicht hat Lina recht, dann ändert ihr es, und beide erleben, dass Regeln nicht willkürlich sind. Und Emils Strichliste? Eine Neunjährige darf später ins Bett als ein Sechsjähriger, und wenn Emil neun ist, gilt das für ihn genauso.
Wie Fleißstern Geschwister fair begleitet
In Fleißstern hat jedes Kind seine eigene Liste und sein eigenes Sterne-Konto, und in der Kinderansicht sieht es seine Aufgaben von heute und seine Belohnungen. Aufgaben für mehrere Kinder lassen sich auf drei Arten verteilen: Bei Jedes Kind haben alle die Aufgabe auf ihrer Liste, bei Abwechselnd ist an jedem Tag ein anderes Kind dran, und bei Wer zuerst bekommt das schnellste Kind die Sterne. Wenn ihr Wettkampf vermeiden wollt, sind die ersten beiden die ruhigere Wahl.
Die Statistik zeigt für jedes Kind einzeln, was gut klappt und was liegen bleibt, als Grundlage für ein Gespräch mit diesem Kind und nicht für einen Vergleich. Mehrere Kinder und das Verteilen reihum oder nach „Wer zuerst“ gehören zu Premium.
Häufige Fragen
Was tun, wenn Geschwister ständig streiten?
Laut Bayerischem Erziehungsratgeber lässt sich bei Streit im Kinderzimmer meist nicht klären, wer Schuld hat oder angefangen hat. Brauchen Kinder Hilfe, ist es Aufgabe der Eltern, sie beim Klären des Konflikts zu begleiten, statt ein Urteil zu sprechen. Außerdem braucht jedes Kind einen Rückzugsort, an dem es auch mal allein sein kann.
Sollte man Geschwister gleich behandeln?
Gerecht ist nicht dasselbe wie gleich. Studien zeigen, dass unterschiedliche Behandlung vor allem dann mit Problemen einhergeht, wenn Kinder sie als unfair empfinden, und viele Kinder erklären Unterschiede selbst mit Alter oder Bedürfnissen. Wichtig ist, die Gründe offen zu besprechen und keines der Kinder zu bevorzugen.
Was hilft bei Eifersucht unter Geschwistern?
Wird ein Kind bevorzugt, sind Neid und Eifersucht beim Geschwisterkind laut Bayerischem Erziehungsratgeber verständlich. Der Ratgeber empfiehlt, Vergleiche zwischen den Kindern zu vermeiden und sich auch Zeit ganz allein mit einem Kind zu nehmen. Kleine, verlässliche Zeitinseln mit jedem Kind können dabei schon helfen.
Sollten Geschwister für dieselbe Aufgabe gleich viele Sterne bekommen?
Nicht unbedingt. Sterne können sich nach Aufwand und Alter richten, solange die Regeln für alle Kinder offen erklärt sind. Am besten legt ihr die Sternzahl gemeinsam fest und prüft sie ab und zu, zum Beispiel am Wochenende.
Quellen
- Geschwisterrivalität (Hartmut Kasten) – IFP-Familienhandbuch, Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz
- Geschwister – Bayerischer Erziehungsratgeber (BAER), Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales
- Kowal & Kramer (1997): Children's Understanding of Parental Differential Treatment. Child Development 68(1) – University of Illinois (Illinois Experts)
- Kowal, Krull & Kramer (2004): How the differential treatment of siblings is linked with parent-child relationship quality. Journal of Family Psychology 18(4) – PubMed
- Ist es sinnvoll, dass Kinder im Haushalt mithelfen? (Beate Weymann) – IFP-Familienhandbuch