Wenn Kinder nicht hören: Konsequenzen statt Strafen
„Zieh bitte die Schuhe an“, beim zweiten Mal lauter, beim vierten mit Drohung. Wie du aus diesem Kreislauf herauskommst, ohne zu schimpfen oder zu strafen.

Stell dir vor, ihr müsst in fünf Minuten los. „Zieh bitte deine Schuhe an“, rufst du aus der Küche. Nichts passiert. Beim zweiten Mal bist du lauter, beim vierten fällt der Satz: „Wenn du jetzt nicht sofort …“
Am Ende kniest du im Flur und ziehst die Schuhe selbst an. Dein Kind schaut zu, du bist genervt, und der Morgen hat schon einen Knick.
Das Wichtigste in Kürze
- Dass Kinder Aufforderungen nicht befolgen, ist für Eltern ein häufiges Problem, und meist steckt keine böse Absicht dahinter.
- Wirkungsvoller als lautes Wiederholen: erst die Aufmerksamkeit des Kindes sichern, dann eindeutig und immer nur eine Sache auf einmal auffordern.
- Eine Konsequenz hängt sachlich mit dem Verhalten zusammen, etwa Scherben wegräumen nach einer umgestoßenen Vase; ein Fernsehverbot wäre dagegen keine logische Folge.
- Anschreien und Beschämen wirken laut US-Kinderärzteverband kurzfristig kaum und langfristig gar nicht.
- In Deutschland haben Kinder ein Recht auf Erziehung ohne Gewalt, körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen.
Warum hört mein Kind nicht?
Erst einmal zur Beruhigung: Du bist damit nicht allein. Eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Pediatrics beschreibt kindlichen Ungehorsam als häufiges Problem für Eltern (Kalb & Loeber, 2003).
Der ADHS-Elterntrainer der AOK hält fest, dass Kinder sich in den meisten Fällen nicht so verhalten, um ihre Eltern zu ärgern. Mögliche Gründe sind laut Elterntrainer etwa ein schlechter Tag, Ärger in der Schule oder Müdigkeit. Der Trainer trägt ADHS im Namen, seine Methoden sind laut AOK aber für alle Familien und Kinder geeignet. Und hast du Zweifel, ob dein Kind gut hört, rät das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), das kinderärztlich abklären zu lassen.
Der Kreislauf aus Wiederholen, Drohen und Nachgeben
Der Elterntrainer beschreibt einen typischen Teufelskreis: Eine Aufforderung wird wiederholt, dann lauter, dann folgt eine Drohung. Am Ende wenden sich Eltern ab, sobald das Kind endlich gehorcht, setzen sich mit Druck durch oder machen es doch selbst. Geben Eltern nach, lernt das Kind laut Elterntrainer, dass es Nörgeln und Drohungen nur lange genug aushalten muss.
Wie fordert man Kinder so auf, dass sie zuhören?
Der Elterntrainer nennt sechs Punkte für wirkungsvolle Aufforderungen:
- Nur auffordern, wenn dir etwas wirklich wichtig ist.
- Vorher wissen, was du tust, wenn dein Kind nicht reagiert.
- Dafür sorgen, dass dein Kind aufmerksam ist.
- Eindeutig auffordern, nicht als Bitte formulieren.
- Immer nur eine Aufforderung auf einmal geben.
- Überprüfen, ob dein Kind der Aufforderung nachkommt, und es loben, wenn es klappt.
| Statt | Lieber |
|---|---|
| Aus der Küche rufen: „Schuhe anziehen.“ | Hingehen, warten, bis dein Kind dich ansieht: „Zieh jetzt bitte deine Schuhe an.“ |
| „Kannst du mal den Tisch decken?“ | „Deck bitte jetzt den Tisch.“ |
| „Zähne putzen, Schlafanzug, Licht aus.“ | Erst „Putz dir die Zähne“, danach die nächste Sache |
Eine Bitte ist etwas anderes: Dabei darf dein Kind Nein sagen, so der Elterntrainer. Frag also nur, wenn ein Nein wirklich in Ordnung ist.
Konsequenz oder Strafe: Was ist der Unterschied?
Eine natürliche Folge ergibt sich von selbst aus dem Verhalten. Eine logische Folge legen Eltern fest, sie hängt aber sachlich mit dem Verhalten zusammen. Der Gedanke geht auf den Erziehungspsychologen Rudolf Dreikurs zurück.
Die Elternbriefe der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung nennen zwei Bedingungen: Eltern schimpfen nicht, sondern erklären Zusammenhänge sachlich, freundlich und fest. Und die Folge muss mit dem Verhalten zusammenhängen. Gefährliche Folgen, etwa beim Spielen an einer verkehrsreichen Straße, dürfen Eltern nicht eintreten lassen.
| Situation | Folge mit Zusammenhang | Strafe ohne Zusammenhang |
|---|---|---|
| Beim Toben geht eine Vase kaputt | Scherben wegräumen, Wasser aufwischen, Blumen umstellen | Fernsehverbot |
| Die Gummistiefel für den Spielplatz werden verweigert | Der Ausflug fällt aus | Kein Nachtisch |
| Auf die Absprache, im Garten zu bleiben, ist kein Verlass | Heute wird drinnen gespielt | Hausarrest am Wochenende |
Die Beispiele in der mittleren Spalte stammen aus den Elternbriefen. Auch Bildschirmzeit eignet sich schlecht als Strafe, denn die medizinische Leitlinie rät, Bildschirmmedien nicht zur Belohnung oder Bestrafung einzusetzen. Mehr dazu im Beitrag Bildschirmzeit ohne Streit.

Wie setzt man eine Konsequenz ruhig um?
- Ankündigen und eine Chance geben. Benenne, was nicht in Ordnung ist, und sag, was sonst passiert. Kommt dein Kind der Aufforderung jetzt nach, lob es dafür.
- Zuhören. Lass dein Kind erklären, was los war. Gibt es einen guten Grund, darf die Folge auch entfallen.
- Nicht diskutieren. Grundsatzdiskussionen gehören laut Elterntrainer nicht in die aufgeladene Situation, sondern in einen ruhigen Moment später.
- Ruhig bleiben. Bist du selbst sehr aufgewühlt, hilft es laut Elterntrainer, etwas Zeit verstreichen zu lassen, den Raum zu verlassen oder tief durchzuatmen.
Was ist in der Erziehung erlaubt?
Nach § 1631 BGB hat jedes Kind ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen. Der US-Kinderärzteverband AAP schreibt, dass körperliche Strafen sowie Anschreien und Beschämen kurzfristig wenig und langfristig nicht wirken (Sege, Siegel u. a., 2018).
Perfekt muss dabei niemand sein. Wer selbst danebengelegen hat, darf sich laut BIÖG auch bei seinem Kind entschuldigen. Kocht die Wut immer wieder über, rät der Elterntrainer zu einem Gespräch in der Arztpraxis oder einer Beratungsstelle.
Wie Fleißstern hilft, weniger zu wiederholen
Viele Aufforderungen im Alltag sind immer dieselben: Zähne putzen, Schuhe an, Ranzen packen. In Fleißstern legst du sie einmal als Aufgaben an, und dein Kind sieht in der Kinderansicht selbst, was heute dran ist. Zur festen Uhrzeit kommt auf Wunsch eine Erinnerung aufs Handy.
Bleibt eine Aufgabe liegen, gibt es dafür einfach keine Sterne. Abziehen lassen sich Sterne nur, wenn du das für eine Aufgabe ausdrücklich einschaltest. Und klappt etwas ohne Aufforderung, kannst du von Hand Extra-Sterne vergeben oder einfach sagen, was dir aufgefallen ist.
Häufige Fragen
Was tun, wenn das Kind nicht hört?
Hilfreich ist, zuerst die Aufmerksamkeit des Kindes zu sichern und dann eindeutig und nur eine Sache auf einmal aufzufordern. Der ADHS-Elterntrainer der AOK rät außerdem, vorher zu überlegen, was passiert, wenn das Kind nicht reagiert, und es zu loben, wenn es der Aufforderung nachkommt.
Was ist der Unterschied zwischen Konsequenz und Strafe?
Eine Konsequenz hängt sachlich mit dem Verhalten zusammen: Wer beim Toben eine Vase umstößt, räumt die Scherben weg. Eine Strafe wie ein Fernsehverbot hat mit dem Vorfall nichts zu tun. Wichtig ist laut den Elternbriefen außerdem, dass Eltern dabei nicht schimpfen, sondern sachlich, freundlich und fest bleiben.
Welche Konsequenzen sind bei Kindern sinnvoll?
Sinnvoll sind Folgen, die sich aus dem Verhalten ergeben oder eng damit zusammenhängen. Ein Beispiel aus den Elternbriefen: Wer sich nicht an die Absprache hält, im Garten zu bleiben, spielt heute drinnen. Gefährliche Folgen, etwa beim Spielen an einer verkehrsreichen Straße, dürfen Eltern nicht eintreten lassen.
Ist Fernsehverbot als Strafe sinnvoll?
Eher nicht. Die deutsche medizinische Leitlinie zur Bildschirmnutzung von Kindern und Jugendlichen rät, Bildschirmmedien weder zur Belohnung noch zur Bestrafung einzusetzen. Außerdem hängt ein Fernsehverbot meist nicht mit dem Verhalten zusammen, und genau das macht eine logische Folge aus.
Quellen
- Kalb & Loeber (2003): Child disobedience and noncompliance: a review. Pediatrics 111(3) – PubMed
- Sege, Siegel u. a. (2018): Effective Discipline to Raise Healthy Children. Pediatrics 142(6) – PubMed
- Teufelskreis und Zuspitzung (ADHS-Elterntrainer) – AOK-Bundesverband
- Memokarte Wirkungsvolle Aufforderungen (ADHS-Elterntrainer) – AOK-Bundesverband
- Bitten und Aufforderungen (ADHS-Elterntrainer) – AOK-Bundesverband
- Natürliche Konsequenzen: Wie gehen Sie vor? (ADHS-Elterntrainer) – AOK-Bundesverband
- Wann hilft der Elterntrainer? (ADHS-Elterntrainer) – AOK-Bundesverband
- Förderliche Haltung (ADHS-Elterntrainer) – AOK-Bundesverband
- Geht's auch ohne Strafen? (Elternbriefe, September 2017) – Elternbriefe du + wir, Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e. V.
- Kinder gut erziehen – kindergesundheit-info.de, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
- Hörstörungen frühzeitig erkennen – kindergesundheit-info.de, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
- § 1631 BGB – Inhalt und Grenzen der Personensorge – Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de
- Empfehlungen (u. a. Nr. 8) – medienleitlinie.de (Online-Fassung der AWMF-Leitlinie 027-075)