Wutanfälle begleiten statt bestrafen
An der Kasse liegt dein Kind schreiend auf dem Boden, und alle schauen. Was in diesem Moment hilft, warum Strafen wenig bringen und wann Hilfe sinnvoll ist.

Stell dir vor, ihr steht an der Kasse. Auf dem Band liegen Milch, Brot und Bananen, nicht aber die Schokoeier neben der Kasse. Dein Kind sagt erst „Bitte“, dann lauter „Bitte“, und dann liegt es auf dem Boden und schreit.
Hinter euch seufzt jemand. Du überlegst, ob du nachgibst, schimpfst oder einfach gehst. Für dein Kind ist gerade die ganze Welt schiefgegangen.
Das Wichtigste in Kürze
- Trotzreaktionen treten laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) ab der Mitte des zweiten Lebensjahres gehäuft auf und werden ab dem dritten Lebensjahr meist weniger heftig.
- Dahinter stehen fast immer enttäuschte Erwartungen: Dein Kind will etwas und stößt an eine Grenze.
- Das BIÖG rät, ruhig zu bleiben, beim Kind zu bleiben und den Anfall abzuwarten, statt ihn zu bekämpfen.
- Strafen verstärken das Verhalten laut BIÖG eher, und Nachgeben lehrt, dass sich Schreien lohnt.
- Halten sehr heftige Anfälle lange an, ist ein Gespräch in der Kinderarztpraxis oder einer Beratungsstelle sinnvoll.
Warum bekommen Kinder Wutanfälle?
Das BIÖG beschreibt die Trotzphase als Autonomiephase: Sie hängt mit dem wachsenden Ich-Bewusstsein zusammen, mit dem Drang nach mehr Selbstständigkeit und mit Fortschritten in der geistigen Entwicklung. Gehäuft treten Trotzreaktionen ab der Mitte des zweiten Lebensjahres auf und werden mit zunehmendem sprachlichen Vermögen ab dem dritten Lebensjahr meist weniger heftig.
Der Auslöser sind laut BIÖG immer enttäuschte Erwartungen. Dein Kind will etwas tun oder haben und stößt an seine eigenen Grenzen oder an die, die du gesetzt hast. Auch ein gewohntes Ritual, das plötzlich ausfällt, kann reichen. Ein Wutanfall ist also kein Angriff auf dich: Ein Kind, das schreit, hat gerade keinen besseren Weg zur Verfügung.
Was hilft im Moment selbst?
- Ruhig bleiben. Das BIÖG rät, sich vom Trotzverhalten nicht anstecken zu lassen und sich auf keinen Machtkampf einzulassen, weil der Wut und Trotz eher verstärkt.
- Wenig Beachtung, viel Nähe. Schenke dem Anfall selbst so wenig Aufmerksamkeit wie möglich, bleib aber bei deinem Kind, bis es sich beruhigt hat – solange es sich dabei nicht in Gefahr bringt.
- Nicht nachgeben. Wer die Schokoeier jetzt kauft, hat Ruhe bis zum Ausgang und denselben Moment beim nächsten Einkauf wieder.
- Nicht strafen. Strafen verstärken das Verhalten laut BIÖG eher, als dass sie es beenden.
- Selbst runterkommen. Bist du sehr aufgewühlt, hilft es laut ADHS-Elterntrainer der AOK, etwas Zeit verstreichen zu lassen, tief durchzuatmen oder kurz aus dem Raum zu gehen, wenn das gefahrlos möglich ist.
Ein Wutanfall ist kein Verhandlungstermin. Er ist ein Gewitter, das vorbeizieht.

Warum bringen Strafen nichts?
Neben dem, was das BIÖG zur Wirkung sagt, gibt es eine klare rechtliche Linie: Nach § 1631 BGB hat jedes Kind ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen. Der US-Kinderärzteverband AAP hält fest, dass körperliche Strafen sowie Anschreien und Beschämen kurzfristig wenig und langfristig nicht wirken (Sege, Siegel u. a., 2018).
Etwas anderes sind Folgen, die sachlich mit dem Verhalten zusammenhängen – etwa gemeinsam aufzuräumen, was im Wutanfall heruntergefallen ist. Wo der Unterschied liegt, steht im Beitrag Wenn Kinder nicht hören.
Wie lässt sich Wutanfällen vorbeugen?
Übergänge ankündigen. Mitten aus dem Spiel gerissen zu werden, ist ein häufiger Auslöser. Das BIÖG rät, ein paar Minuten vorher zu sagen, dass ihr gleich esst oder losgeht. Mehr dazu im Beitrag Wenn Kinder trödeln.
Hunger und Müdigkeit mitdenken. Der Supermarkt um halb sechs nach einem langen Kita-Tag ist kein Ort für Geduld. Ein Keks vorher ist keine Bestechung, sondern Vorsorge.
Etwas zu entscheiden geben. Wer zwischen zwei Pullovern wählen darf, reibt sich nicht am Anziehen selbst.
Wenige, klare Grenzen. Das BIÖG empfiehlt, Regeln und Grenzen dort zu setzen, wo sie sinnvoll und wichtig sind, und Kindern sonst genug Freiraum für eigene Erfahrungen zu lassen. Wie ihr solche Regeln findet, steht im Beitrag Familienregeln aufstellen.
Sagen, was klappt. Kinder bekommen viel Aufmerksamkeit für das, was schiefgeht – siehe Kinder richtig loben.
Was kommt nach dem Sturm?
Das BIÖG rät, den Wutanfall abzuwarten und danach das Gespräch über die Situation zu suchen. Für kleine Kinder reichen wenige Worte: „Du warst richtig wütend. Du wolltest die Eier haben, und ich habe Nein gesagt.“
Gefühle zu benennen ist dabei kein Beiwerk. Laut BIÖG lernt ein Kind erst mit elterlicher Unterstützung, Gefühle wahrzunehmen, auszudrücken und mit ihnen zurechtzukommen – auch dadurch, dass Erwachsene offen mit den eigenen umgehen. Und wenn du selbst danebengelegen hast: Eine Entschuldigung bei deinem Kind macht dich nicht kleiner.
Wann ist fachliche Hilfe sinnvoll?
Wutanfälle gehören zur Entwicklung, und dieser Beitrag ersetzt keine Beratung. Sinnvoll ist ein Gespräch mit Fachleuten, wenn sehr heftige Anfälle über längere Zeit anhalten, wenn dein Kind sich oder andere dabei verletzt, wenn es sich auch sonst stark verändert – oder wenn du selbst merkst, dass dir immer häufiger der Kragen platzt.
Der ADHS-Elterntrainer rät bei immer wieder überkochender Wut ausdrücklich zu einem Gespräch in der Arztpraxis oder einer Beratungsstelle. Daneben beraten Erziehungsberatungsstellen vor Ort und das Elterntelefon von „Nummer gegen Kummer“, anonym und kostenfrei.
Wie Fleißstern hilft – und wie nicht
Im Wutanfall selbst hilft keine App. Was Fleißstern übernehmen kann, sind die kleinen Reibungspunkte davor: Aufgaben mit fester Uhrzeit und Erinnerung, ein Tagesplan, den dein Kind selbst sieht, und ein Ende der Bildschirmzeit, das mit Premium vorher feststeht statt jeden Abend neu verhandelt zu werden. Weniger Anlässe zum Streiten heißt nicht keine Wut mehr – nur seltener aus Gründen, die ihr vorher hättet klären können.
Häufige Fragen
Was tun bei einem Wutanfall?
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit rät, ruhig zu bleiben und keinen Machtkampf zu beginnen. Schenke dem Anfall selbst wenig Beachtung, bleib aber bei deinem Kind, bis es sich beruhigt hat, solange es sich nicht in Gefahr bringt. Danach ist Zeit für ein ruhiges Gespräch.
In welchem Alter haben Kinder Wutanfälle?
Gehäuft treten Trotzreaktionen laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit ab der Mitte des zweiten Lebensjahres auf. Mit zunehmendem sprachlichen Vermögen ab dem dritten Lebensjahr nimmt ihre Heftigkeit in der Regel ab. Einzelne heftige Ausbrüche kommen aber auch bei älteren Kindern vor.
Sollte man einen Wutanfall bestrafen?
Nein. Strafen verstärken das Verhalten laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit eher. Nach § 1631 BGB haben Kinder außerdem ein Recht auf Erziehung ohne Gewalt, körperliche Bestrafungen und seelische Verletzungen. Sinnvoller ist, den Anfall abzuwarten und danach in Ruhe darüber zu sprechen.
Wann sollte ich mir bei Wutanfällen Hilfe holen?
Wenn sehr heftige Anfälle über längere Zeit anhalten, dein Kind sich oder andere verletzt oder du selbst an deine Grenzen kommst. Der ADHS-Elterntrainer der AOK rät dann zu einem Gespräch in der Arztpraxis oder einer Beratungsstelle. Auch das Elterntelefon von „Nummer gegen Kummer“ berät anonym und kostenfrei.
Quellen
- Kindliche Trotzphase – kindergesundheit-info.de, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
- Mit Gefühlen zurechtkommen – kindergesundheit-info.de, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
- Wie erreiche ich, dass unsere Tochter ohne Geschrei ihr Spiel unterbricht? – kindergesundheit-info.de, BIÖG
- Förderliche Haltung (ADHS-Elterntrainer) – AOK-Bundesverband
- Sege, Siegel u. a. (2018): Effective Discipline to Raise Healthy Children. Pediatrics 142(6) – PubMed
- § 1631 BGB – Inhalt und Grenzen der Personensorge – Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de
- Beratung für Eltern und andere Bezugspersonen (Elterntelefon) – Nummer gegen Kummer e. V.